Sonntag, 8. Februar 2015

Der Verräter

Ich bin ein Ketzer. Ein Häretiker, der die Worte unseres Herrn auf lästerliche Weise verdreht. Nichts wäre mir lieber, als in den Schoß der Kirche zurückzukehren. Doch dieser Weg ist versperrt. Es war ein entsetzlicher Zweifel, den der Reisende in mir gesät hat. Und wenn ich an der Lehre zweifle, bin ich ein Ketzer. Aber wenn ich sie mit festem Glauben annehme, bin ich es ebenso. Es gibt Gedanken, die nicht einmal gedacht werden müssen, damit sie die Welt auf den Kopf stellen. Wenn man sie jedoch denkt, findet man keinen Ausweg mehr. Ich wünschte, ich hätte das Siechtum des Reisenden als ein Zeichen genommen und nie einen Blick in seine Aufzeichnungen geworfen.

Nach seiner Rückkehr aus dem Tal hat niemand mehr von ihm ein klares Wort gehört. Selbst bei gewöhnlichen Fragen schwieg er zögernd, als ob er den Motiven des Fragenden misstraute, vielleicht aber auch seiner eigenen Fähigkeit, die Antwort festzustellen. Sein Blick wanderte und flackerte umher, betastete die Gesichter und die Gegenstände, nach einem verborgenen Sinn suchend. Die Leute schüttelten ihre Köpfe und sagten: „Der hat bei den Ketzern seinen Verstand verloren.“ Abends betrank er sich mit dem würzigen, von der südlichen Sonne kräftigen Wein. Nur in diesen späten Stunden, wenn er benebelt und mit stieren Augen in der Ecke des Gastraums saß, stieß er einzelne Satzfetzen aus, bei denen die übrigen Gäste sich vielsagend anblickten und die Furchtsamen unter ihnen das Zeichen des Kreuzes machten. Einige meinten aus seinem Gebrabbel die Worte „Schein“ und „alles eins“ herausgehört zu haben, doch vielleicht waren es auch einfach nur schmutzige Flüche. Von Tag zu Tag verfiel er, sein Gesicht wurde grau und ausgezehrt, wie bei einem Schwindsüchtigen.

Im Auftrag der Heiligen Kirche war er einige Monate zuvor nach einer langen Reise aus Alexandria, der Stadt der Bücher und der Gelehrten, in unser Dorf am Rande des großen Gebirges gekommen. Nachdem er wenige Tage gerastet und sein Maultier mit Proviant beladen hatte, setzte er seinen Weg fort. Er ging im Morgengrauen zu dem Pass, hinter dem sich eine vernarbte, von steilen Gipfeln umschlossene Ebene erstreckte. Seit vielen Generationen war niemand von außerhalb mehr in das Tal gegangen, und die Leute bekreuzigten sich, wenn seine Bewohner in die umliegenden Siedlungen kamen, um Handel zu treiben. Die ganz Alten wisperten von Geschichten aus ihrer Kindheit, Geschichten von blasphemischen Prozessionen, von Opferungen auf einem Feld, das Blutacker genannt wurde, und von der Anbetung des Großen Verräters. Es hieß, dass ein falscher Priester einst die Häresie in die verkarsteten Bergen mit ihren mondbeschienenen Zedern gebracht habe. Nach seiner Auslegung des Evangeliums habe Judas, der unseren Herrn durch seinen Verrat einem grausamen Kreuzestod preisgegeben hat, mit dieser Tat eigentlich Christi eigenen Willen erfüllt. Dieser perfiden Logik zufolge sei Judas der Lieblingsjünger gewesen und habe aus Demut das höchste Opfer vollzogen: den Verrat an seinem geliebten Herrn und die anschließende ewige Verdammnis seines Namens und seiner Erinnerung. Aus diesem Grunde, sagte man, verehrten die Judasjünger in diesem verfluchten Land ihn als einen Heiligen. Diesem Gerücht sollte der Reisende nachgehen, um die Häresie seinen Vorgesetzten zu melden und sie zu eliminieren.

Ich schenkte dem Gefasel der zahnlosen Alten aber nur wenig Glauben. Den wenigen Händlern, die gelegentlich aus dem Tal kamen, war nichts Absonderliches anzumerken. Und ein derartig lästerlicher Kult hätte sich nur schwer verbergen lassen. Doch irgendetwas schien dem Reisenden dort seinen Verstand zerbrochen und seinen Lebenswillen ausgelöscht zu haben. Nach seiner Rückkehr dauerte es nur wenige Wochen, in denen er dahinsiechte und immer schwächer wurde. Um seinen Verstand wurde es dunkel, und bis zu seinem Tod war von ihm nichts zu erfahren außer den immer wieder ausgespieenen Lauten, die nach „Alles ist eins.“ und „nur Schein“ klangen. Was ihn in diesem Tal von einem gefestigten, stattlichen Mann Gottes zu diesem triefäugigen, sabbernden Bild des Elends gemacht hatte, konnte ich nach seinem Tod nur aus den spärlichen Aufzeichnungen zusammenreimen, die er auf mehreren Blättern Papyrus in gedrängter Schrift hinterlassen hatte.

Es schien in dem Tal zunächst, wie vermutet, keine Anzeichen für eine besondere Verehrung des Judas zu geben. Die Menschen waren von dem für diese Gegend typischen Schlag, wortkarg und schroff wie die Landschaft, aber allem Anschein nach Anhänger des rechten Glaubens. Die Gottesdienste und Gebete, obzwar mit ihren mehrstimmigen, tiefen Gesängen für einen ausländischen Besucher ungewohnt, zeigten keine auffällige Abweichung. Und die einfachen Hirten mit ihren gebräunten und faltigen Gesichtern wussten zwar nur wenig von Theologie, aber wenn er sie über die Inhalte ihrer Religion befragte, klang es für ihn nach einer rechtgläubigen Auslegung der Lehre. Er bezweifelte, dass diese schlichten Menschen fähig waren, einen Kundigen wie ihn zu belügen, ohne sich in Widersprüche zu verwickeln. Auch nach mehreren Monaten, die er in diesem Tal verbrachte, konnte er keinen konkreten Hinweis auf diese Häresie entdecken. Einzig eine Notiz zu einer sehr alten Bettlerin deutete an, dass vor langer Zeit tatsächlich eine seltsame Obsession um diesen Verräter unseres Herrn im Tal geherrscht haben könnte. Doch das Zeugnis dieses von Schwären bedeckten und von Schüttelkrämpfen heimgesuchten Weibs schien im Gegenteil eine besondere Verachtung gegenüber Judas zu belegen.

Der Reisende hätte ihren Worten kein Gewicht beigemessen, zumal sie ihre bizarren Schilderungen immer wieder in anderer, krächzender Stimmlage unterbrach: „kein Ausweg ... die Schlange beißt sich in den eigenen Schwanz“ sowie – und an dieser Stelle schauderte mir beim Lesen der Aufzeichnungen – mit den Worten „alles eins“ und „alles nur Schein“. Am nächsten Tag war die Bettlerin jedoch verschwunden. Niemand wusste Näheres über sie, und der Reisende meinte zum ersten Mal seit seiner Ankunft in dem Tal einen düsteren Schatten zu spüren. Die Bauern und Hirten, so wenig sie von den tieferen Gründen der Heiligen Schrift wussten, ahnten doch, dass die lästerlichen Reden der Alten an ein Geheimnis rührten, das man besser unangetastet lassen sollte.

Dennoch konnte es nicht die Bettlerin gewesen sein, die dem armen Teufel so den Verstand umnachtet hatte. Aus seinen Aufzeichnungen über ihre Erzählung rekonstruierte ich, dass es mit dem Judaskult eine Wendung genommen haben muss. Dem Anschein nach hat sich die Verehrung des Großen Verräters ins Gegenteil verkehrt. Da Hellsichtigere unter den Judaskultisten erkannt hatten, dass sie durch die Verehrung des Verräters letztlich sein Opfer, die Verdammung seines Namens, schmälern würden, trugen sie statt dessen dazu bei, ihn umso mehr zu verdammen. Ihre Zeremonien dienten nicht der Verehrung, sondern der Verachtung. Sie verhöhnten Judas in ihrem pervertierten Gottesdienst, spien und urinierten auf sein Bildnis, zerhackten es in Stücke und warfen es ins Feuer. All diese Obszönitäten dienten dazu, der zentralen Rolle des „Lieblingsjüngers“ in der Leidensgeschichte Christi gerecht zu werden. Diese Berichte von blasphemischen Ritualen mochten einen schwächeren Menschen als den Reisenden verwirrt haben, doch für ihn waren ihr übersteigerter Schrecken eher ein Indiz für die Phantasie und den Wahn der Bettlerin.

Außer dieser wenig glaubhaften Geschichte hörte er für mehrere Wochen, in denen er seinen Weg zu den wenigen, verstreuten Siedlungen des Tals fortsetzte, keine weiteren Hinweise auf den von ihm gesuchten Kult. Doch aus irgendeinem Grund brütete er vor sich hin, so wie vor einem Gewitter die Luft unnatürlich ruhig und zugleich dröhnend schwül ist. Schließlich gelangte er in dieser Stimmung zu einer steinernen Klause, die von einem Priester bewohnt wurde, der den Bart nach der Art der östlichen Patriarchen trug. Und von diesem Mann, dessen Gedanken tiefer und dunkler waren als die der schlichten Hirten, musste er sich mit der Ketzerei infiziert haben wie mit dem Fieber, das aus den Sümpfen kommt – dieselbe Ketzerei, die nun auch meinen Verstand zerfrisst und die auch dich, der du dieses liest, befallen und auszehren wird. Eigentlich sollte dir das eine Warnung sein, hier mit dem Lesen aufzuhören, aber im Grunde ist es einerlei, was du tust. Ob du das Mysterium des Judaskults kennst oder nicht – verdammt bist du ohnehin. 

Wenn ich die Aufzeichnungen richtig deute, war sich dieser Priester der unheilvollen Vergangenheit des Tals sehr wohl bewusst. Aber eigentlich ist es unerheblich. Der kleine Gedankengang, der den Verstand des Reisenden verdreht hat, knüpfte an die Geschichte der Bettlerin an. Mit einem listigen Flackern in den Augen stellte der blasphemische Priester lediglich diese eine Frage: „Wenn man jemanden verachtet, weil dieser mit der verachtenswerten Tat etwas Verehrungswürdiges getan hat, tut man ihm dann Recht oder Unrecht?“ Es war genau dieser Gedanke, der während des ganzen Wegs dem Reisenden am Rand des Bewusstseins genagt und sein dumpfes Brüten verursacht hatte. Nun, da er klar ausgesprochen war, brach die Erkenntnis in dem Reisenden hervor wie der Eiter aus einem pochenden Geschwür: Die Einwohner des Tals hatten dem Kult niemals abgeschworen! Gerade die orthodoxe Befolgung der Regeln und das genaue Einhalten der Gesetze stellten die endgültige Form der Ketzerei dar. Das wurde ihm nun schlagartig bewusst.

Und zugleich wurden ihm die ungeheuerlichen Konsequenzen dieses Gedankens bewusst: Wenn nämlich die höchste Form der Anhängerschaft des Judas darin bestand, ihn in keiner Weise besonders hervorzuheben, dann durfte man ihn weder verehren noch verachten, ja nicht einmal ignorieren, sondern musste ihn genau so behandeln, wie wenn man niemals über die Ideen der Judasjünger nachgedacht hätte. Doch schon, wenn man nur einmal davon gehört hätte, würde man den Großen Verräter nie wieder mit denselben Augen betrachten, käme man nie wieder in den Zustand unbefleckter Rechtgläubigkeit zurück. Damit wäre aber die orthodoxe Lehre, der der größte Teil der Christenheit folgte, in Wirklichkeit eine perfide Ketzerei. Eine Häresie, von der ihre Anhänger, weder die einfachen Gläubigen noch die Priester oder die Patriarchen etwas wissen, denn in ihrer reinsten Ausprägung beruht diese Häresie eben auf der Nichtkenntnis ihrer selbst. Gerade dadurch, dass man diese Ketzerei nicht kennt, ist man ihr glühendster Anhänger. Es war dieser Gedanke, zum Äußersten getrieben, der in mir jenen namenlosen Schrecken hervorrief, den ich seitdem in mir trage. Das, was der glutäugige Priester in dem Reisenden gesät hat, war ein Zweifel, der jeden befiel, sobald er diesen Gedanken gedacht hatte. Aber allein durch die Existenz dieses Gedankens, und sei es nur in einem einzigen, gottverfluchten Tal, waren auch alle, die diesen Gedanken niemals gedacht hatten, war die gesamte Christenheit der Verdammnis anheimgegeben. 

Hätte dies verhindert werden können, wenn ich die Aufzeichnungen des Reisenden nie gelesen hätte? Oder wenn er schon vor seiner Rückkehr aus dem Tal gestorben wäre? Auch wenn niemand jemals diese Gedanken gedacht hätte: In der Konsequenz wären sie wahr gewesen. Wir alle, sämtliche rechtgläubigen Christen, sind häretische Judasanhänger. Es lässt sich keine Haltung zu diesem Jünger einnehmen, die nicht in der Ketzerei endet. Immer beißt sich die Schlange in den eigenen Schwanz. Denn der Schein und die Wahrheit sind eins.

Freitag, 23. Januar 2015

Ewigkeit

Zeit gibt es nicht. 

Sicherlich, vor einigen Minuten habe ich mit diesem Text begonnen, vor einigen Jahrzehnten wurde ich geboren und vor einigen Jahrmillionen ist ein schwach behaarter Primat aus dem Wald in Ostafrikas Savannen hinausgetreten. Irgendwann wird unsere Sonne die inneren Planeten verschlingen, irgendwann wird der Mensch und irgendwann werde ich nicht mehr sein. Und doch gibt es Zeit nicht. Denn alle diese Belege für die Existenz von Zeit betrachte ich genau jetzt. Außerhalb dieses einen Augenblicks existiert nichts. Vergangenes und Zukünftiges kann ich nicht anfassen, kann ich nicht begreifen. Ich erinnere mich zwar, dass es mir heute trotz Schal und Mütze kalt war, oder wie die Pfannkuchen meiner Großmutter geschmeckt haben. Aber diese Erinnerungen finden genau jetzt statt. Und ich habe Hoffnungen und Pläne für die Zukunft und fürchte mich vor manchem, was mir bevorsteht. Doch auch diese Zukunftserwartungen sind ausschließlich jetzt.

Und jetzt.

Und jetzt.

Ich kann nicht einmal sagen, Erinnerungen und Erwartungen fänden in jedem einzelnen Augenblick statt, denn das hieße ja, dass es mehrere Augenblicke gäbe. Aber es gibt nur diesen einen, und dieser eine ist ewig. Er findet nämlich immer statt, sobald ich ihn betrachte. Er findet immer in seiner ganzen Fülle statt, mit all den Wahrnehmungen, Gedanken, Träumen, Ängsten. Auch Erinnerungen sind kein Beleg dafür, dass es etwas außerhalb von diesem "Jetzt" gibt. Wenn die Zeit unser Denken und unsere Grammatik in eine zeitliche Ordnung bringt, heißt das nicht, dass sie mehr wäre als ein gedankliches Werkzeug, mit dem wir die Welt begreif- und manipulierbar machen. Nichts kann mir beweisen, dass diese Erinnerungen sich auf etwas beziehen, das zu einem anderen Zeitpunkt als jetzt ist.

Und nichts kann Dir beweisen, dass Du diesen Gedankengang seit einigen Minuten nachvollziehst. Vielleicht glaubst Du Dich nur zu erinnern, wie Du zu lesen begonnen hast. Vielleicht versucht Dir irgendetwas nur vorzugaukeln, dass Du durch kontinuierliches Mitdenken im Lauf der Zeit zu der Schlussfolgerung gelangt bist, dass Zeit nicht existiert. Aber vielleicht hast Du diesen Gedanken (und all die davor liegenden Gedankenschritte) auch einfach nur jetzt.

Und jetzt.

Und jetzt.


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P. S.: Ursprünglich stammt dieser Gedankengang nicht von mir. Ich habe ihn vermutlich bei irgendeinem Zenmeister gelesen. Allerdings findet die Erinnerung daran, ihn gelesen zu haben, genau jetzt statt. Ich kann mir selbst nicht beweisen, dass ich es gelesen habe. Vielleicht ist es also doch von mir. Vielleicht muss ich aber auch einfach nur meinen Begriff von "Ich" neu denken.

Donnerstag, 15. Mai 2014

Kleines Gedankenspiel über das Dasein

Raum, Zeit und Selbst fühlen sich aus unterschiedlichen Bewusstseinszuständen heraus ganz verschieden an. Wach zu sein hat eine andere Qualität als zu träumen. Und dieses "Ich" oder, vorsichtiger ausgedrückt, der Standort, von dem aus ich die Welt betrachte und an dem zum Beispiel gerade diese Gedanken ablaufen, dieser "Knotenpunkt" des Bewusstseins kann auch kleiner oder größer, gelassener oder gestresster sein. Wenn man niedergeschlagen ist, Schmerzen hat oder übermüdet ist, wird der Blick verengt, als hätte man Scheuklappen auf oder als wäre man in einem Tunnel. Das Dumme daran ist aber: So lange ich mich in diesem unangenehmen Zustand befinde, kann ich mir nicht vorstellen, wie mein Denken "außerhalb" des Zustands verlaufen könnte. Hinterher kann ich zwar feststellen, dass ich zum Beispiel in einer sehr stressigen Zeit neben mir gestanden habe und kann das auch analysieren. Aber egal, wie ich mich verrenke, ich kann niemals aus einem Bewusstseinszustand heraus einen anderen nachempfinden. Was sich in einem Traum normal oder vielleicht auch schön anfühlt, ist nach dem Aufwachen nur noch als Schatten zu erahnen, eine Art bizarrer, fremder Nachgeschmack.

Nun gibt es aber Bewusstseinszustände, die sich wacher anfühlen als andere, in denen die Dinge mehr Sinn ergeben, in denen man sich "näher am Sein" fühlt als in anderen. Auch wenn mir beim Schreiben mein Schmerzrezeptor für esoterisches Geschwurbel weh tut: Manchmal fühlt man sich mehr im Einklang mit sich und der Welt. Und jetzt kommt das oben angekündigte Gedankenspiel: Was wäre, wenn unser Alltagsbewusstsein mit all seinen Vorstellungen von Logik, Welt und "Ich" selbst nur eine Art depressive Verstimmung oder eine Psychose in einem viel größeren Bewusstsein ist? Was wäre, wenn das Universum sozusagen an einer multiplen Persönlichkeit leidet? Wenn es sich selbst aus Abermilliarden von vermeintlich voneinander getrennten Bewusstseinen heraus betrachtet? Aus meinem momentanen Zustand heraus lässt sich diese Idee allenfalls rational beurteilen, aber gäbe es eine Möglichkeit, dahin "aufzuwachen"?

Donnerstag, 8. Mai 2014

Was die Welt nicht ist

Das, was wir "Welt" nennen, ist nach Schopenhauer eine Vorstellung. Egal, wie genau und ausgeklügelt wir sie beschreiben und erklären, immer ist sie nur in unserem Bewusstsein vorhanden. Der Stift neben meiner Tastatur ist eben kein Stift. Er ist eine Ansammlung von Materie (die ganz nebenbei im Allerkleinsten mehr Leere als sonst etwas ist). Sie wird von einer Energiequelle bestrahlt und reflektiert bestimmte Wellenlängen. Diese Wellen treffen auf mein Auge, werden in meinem Gehirn zusammengesetzt zu etwas Länglichem, Blauem, und mit dem erlernten Attribut "Gegenstand zum Schreiben" versehen. Das, was da eigentlich ist, wurde also von unglaublich vielen physikalischen, neurologischen und kulturellen Prozessen weitergeleitet, umgeformt, ergänzt, so dass sich schließlich in meinem Bewusstsein der Begriff "Stift" herauskristallisiert.

Allerdings sind nun all die anderen Begriffe wie "Materie", "Gehirn", "Auge", "Wellenlänge" oder "blau" ebenfalls nur Dinge, die mein Bewusstsein erschaffen hat, um der "Welt" eine Logik aufzuerlegen. Überflüssig zu erwähnen, dass das auch für den Begriff "Bewusstsein" selbst gilt. Es gibt offenbar keine Möglichkeit, keinen Kniff, mit dem wir die "Welt" unmittelbar sehen könnten. Jede zusätzliche Abstraktion, mit der wir sie fassen, führt im Gegenteil weiter weg von der Welt. Und jeder Versuch, sich einen unmittelbareren Zugang vorzustellen, führt eben genau dazu: zu einer weiteren Vorstellung.

Statt sich also den Zugang zur Welt mit immer komplexeren Abstraktionen wie Philosophie oder Wissenschaft zu verbauen (obwohl diese zweifellos die "Welt" immer detaillierter erklären, und obwohl paradoxerweise auch dieser Gedankengang hier nur eine solche Abstraktion ist), sollte man vielleicht eher den umgekehrten Weg gehen: hin zu mehr Unmittelbarkeit, zu weniger Nachdenken, zu bloßem Wahrnehmen, letztlich hin zu bloßem Da-Sein.